Der früheste
Sonnenuntergang findet nicht etwa am Tag der längsten Nacht am 21. Dezember
statt, sondern fast einen Monat früher! Um dies zu erklären, muss man die
Zeitgleichung bemühen.
Die "Zeitgleichung", welche den Vorsprung der wahren Sonne auf ein gedachte,
gleichmässig dahinziehende Sonne in Funktion der Jahreszeit beschreibt, hat
zwei Komponenten, von denen die eine bedingt ist durch die Exzentrizität der
Erdbahn um die Sonne und die andere durch die Neigung der Rotationsachse der
Erde gegenüber der Erdbahn (Ekliptik).
Sie sieht wie folgt aus

Die Herleitung dieser
Gleichung ist ein grosser Klassiker und man kann auch viele Internet Sites dazu
finden. Zum Beispiel:
http://www.eduvinet.de/gebhardt/astronomie/zeitglei.html
Nebst der formellen
Herleitung der Kurvenfunktionen sollte man aber auf anschauliche Weise auch die
folgenden beiden Fragen beantworten können:
(a)
Warum hat die Sonne trotz der schnelleren Bewegung der Erde um die
Sonne im Winter (Perihel = Sonnennähe im Januar) im Frühling einen zeitlichen Rückstand
auf den Fahrplan?
(b)
Warum hat der andere Anteil der Zeitgleichung, der durch die 23° der
Ekliptik bedingt ist (ausgezogene, dünne Kurve), ZWEIMAL einen positiven
Gipfel?
Hier sind meine Antworten
Frage (a)
Warum hat die Sonne
trotz der schnelleren Bewegung der Erde um die Sonne im Winter (Perihel;
Sonnennähe) im Frühling einen zeitlichen Rückstand auf den Fahrplan?
Wir setzen uns auf den
Nordpol und stellen uns das geographische Kartennetz ans Firmament projiziert
vor. Typisch ist, dass die Längengrade im Zenit, wo der Polarstern steht,
zusammenlaufen.
Jetzt stoppen wir in
Gedanken die Erdrotation und beobachten die Sonne ein Jahr lang.
Es ist Januar. Die Sonne
liegt 23° unter dem Horizont, weil die Rotationsachse der Erde um 23° nicht
senkrecht auf der Ebene der Bahn der Erde um die Sonne (Ekliptik) steht.
Im Januar ist die
Entfernung von Erde zur Sonne am kleinsten (Perihel), was die Winter der
Nordhalbkugel etwas mildert. Es bedeutet aber vor allem, dass die Erde jetzt am
schnellsten um die Sonne herum unterwegs ist. Die elliptische Bahn (die
Exzentrizität ist verschieden von null) der Erde um die Sonne ist wie ein Sturz
um die Sonne herum. Bis im Sommer im Aphel wird sich die Geschwindigkeit
veringern, um dann wieder zuzunehmen.
Bis die Sonne im Frühling
am Horizont auftaucht (wir sitzen immer noch am Nordpol), hat sie wegen der
grösseren Geschwindigkeit einen etwa 6 minütigen Vorsprung herausgeholt. Warum
zeigt die Zeitgleichung (die gestrichelte Kurve für den durch die Exzentrizität
bedingten Anteil) für diesen Zeitpunkt negative Werte an, die eine
Verspätung bedeuten?
Weil der bei abgestellter
Erdrotation erlebte Kunsttag, der ein ganzes Jahr dauert, in UMGEKEHRTER
Richtung erfolgt! In unseren Breitengraden würde die Sonne im Westen
aufgehen und im Osten untergehen. Der Vorsprung der Sonne im Frühling ist
also eine Verspätung. Die Sonne ist im "Kunsttag" schon seit 6
Minuten im Osten untergegangen. Wenn wir jetzt kurz in Gedanken die Erdrotation
wieder anstellen, sehen wir, dass die Sonne verspätet aufgeht.
Die Umkehrung des
Kunsttages gegenüber dem Normaltag hat damit zu tun, dass die Drehung der Erde
um die Sonne und ihre Drehung um sich selbst den gleichen Drehsinn haben.
Frage (b)
Warum hat der
andere Anteil der Zeitgleichung, der durch die 23° der Ekliptik bedingt ist
(ausgezogene, dünne Kurve), ZWEIMAL einen positiven Gipfel?
Um das zu verstehen,
bleiben wir bei abgestellter Erdrotation am Nordpol sitzen und beobachten,
wieviele Längengrade am Firmament die gleichmässig dahinziehende Sonne
durchkreuzt. Weil diese Längengrade im Sommer (das ist der Mittag des
Kunsttages) hoch über dem Horizont enger zusammenstehen, sind es in diesem
Zeitpunkt mehr als sonst. Das gleiche gilt für den Winter (Mitternacht im
Kunsttag), wo die Sonne weit (23°) unter dem Horizont steht und etwas schwierig
zu beobachten ist. Im Frühling und Herbst geht die Sonne durch den Horizont, wo
die Längengrade am weitesten auseinander stehen.
Die am Nordpol so schön
angeordneten, ans Firmament projizierten Längenkreise, sind genau die
Stundenkreise ! Wenn die Sonne mehr von
ihnen kreuzt, ist sie schneller. Sie ist also zweimal schneller im Sommer und
im Winter.
Damit wird ersichtlich,
warum wir ZWEIMAL einen Gipfel haben für den Ekliptikanteil der Zeitgleichung.
P.S.
Beide Effekte
(Exzentrizität und Ekliptik) zusammengezählt ergeben, dass die Sonne schon
Anfangs Dezember um frühesten untergeht.
P.S. (das gar nichts mit
der Zeitgleichung zu tun hat)
Warum verdreht sich die Sonnenblume im Sommer und nördlich des Polarkreises nicht den Hals?
Nehmen wir zunächst an,
dass sie dort gedeihen kann, um uns dem topologischen Aspekt dieser Frage
widmen zu können.
Antropologisierend
stellen wir uns gerne vor, dass die Sonnenblume auch Augen hat und dass diese
stets oben im Sonnenblumenantlitz stehen während sie der Sonne nachschaut. Und
das tun sie eben nicht!
Wenn wir im Sommer und
nördlich des Polarkreises, wo also die Sonne im Verlaufe des Tages nicht
untergeht, frühmorgends die Sonnenblume mit Augen oben im Gesicht markieren,
werden wir feststellen, dass die Augen am Mittag links im Gesicht und
senkrecht angeordnet stehen (vom
Standpunkt des Sonnenblumenbetrachters), am Abend unten im Gesicht und
waagerecht und dann um Mitternacht rechts im Gesicht und senkrecht. Das Gesicht
"rollt" und vermeidet so jegliche Verdrillung.
Es hilft sich
vorzustellen, dass die Sonnenblume im Prinzip nach oben schaut in den Zenith
mit den Augen im Westen.
Sie verneige sich nach Osten: Augen oben,
sie verneige sich nach Süden: Augen links,
sie verneige sich nach Osten: Augen unten und
sie verneige sich nach Norden: Augen rechts.